Männer und HSP

(Von Michael Schäfer)

Vor ein paar Jahren las ich meinen ersten Artikel über Hochsensibilität (HSP). Am Ende legte ich ihn zur Seite und dachte mit einem tiefen Gefühl von Erleichterung: Gottseidank brauche ich mich nicht länger wie ein Alien auf einem fremden Planeten zu fühlen, denn das, was mich gefühlt von der Mehrheit der restlichen Menschen unterscheidet, hat einen Namen: HSP! All die Jahre zuvor hat mich dieses „Anderssein“ belastet. Ich fühlte stärker, nahm stärker wahr, reagierte stärker auf Reize und Impulse als die „Normalen“. Doch nun kommt ein erheblicher Unterschied in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Akzeptanz von HSP ins Spiel – wenn es nämlich um die Geschlechter geht. Und das setzt uns Männer unter gewaltigen Druck, was die Erwartungshaltung der Gesellschaft/Medien entspricht, respektive unsere eigene Haltung zu uns selbst und dem von uns definierten, eigenen Männerbild.

HSP bei Frauen bedeutet eine stärkere Ausprägung jener Attribute,

die ohnehin dem weiblichen Denken und Fühlen zugesprochen werden. Es sind jene mütterlichen Eigenschaften, die notwendig sind, dem Nachwuchs bestmögliche Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen zu lassen. Der „typische“ Mann hat vor allem Stärke und Tatkraft zu liefern, um die Familie/Nachwuchs zu schützen und ihre Existenz zu sichern. Dass sich dieses von der Natur gestaltete Beziehungsmodell über Jahrmillionen bewährt hat, beweist die Tatsache, dass es den Homo Sapiens überhaupt noch gibt. Doch seit Aufkommen der ersten Urmenschen haben sich unsere Lebensumstände inzwischen dramatisch verändert. In gerade mal einhundert Jahren wurden die bisherigen Aufgaben- und Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau dermaßen aufgeweicht, dass wir geistig überfordert kaum noch hinterherkommen – und es scheint sich durch die neuen Medien noch weiter zu beschleunigen.

Männer fühlen sich immer mehr in ihrer ursprünglichen, klar festgelegten Männerrolle verunsichert,

weil sie in Teilen von Frauen übernommen werden – weil sie es können … und manchmal (als Alleinerziehende) auch müssen. Und nun wird das „starke Geschlecht“ auch noch mit HSP konfrontiert! Während bei Frauen weiche, verständnisvolle und einfühlsame Facetten fast schon als Selbstverständlichkeit erwartet werden, landet ein Mann mit solch ausgeprägten Eigenschaften relativ schnell in der Weichei-Schublade … oder ist er vielleicht sogar schwul? Spürt ein Mann eine HSP-Tendenz, kann dies zu einer inneren Zerrissenheit führen, zwischen dem, was er ist und dem, was von ihm – von außen – als Mann „erwartet“ wird. Alleine die Darstellung des heutigen Mannes in der TV-Werbung: Entweder ist es der kernige, dominante Holzfäller, der alles geregelt bekommt oder es ist der tollpatschige, devote Trottel, dem die Frau – wie einem Kind – alles erklären muss. Und genau diesem Trottel ist gefühlsduseliges (weibliches) Verhalten erlaubt.

Doch ist er dann überhaupt noch ein Mann?

Genau dies ist die große Angst aller HSP-Männer: Von Frauen nicht mehr als „richtiger“ Mann wahrgenommen zu werden, weil ihre stärker ausgeprägte Erlebniswelt zu feminin wirken könnte. Nicht wenige Frauen sind reflexartig irritiert, wenn sie bei Männern Tränen sehen. Merkwürdig, oder? So als ob nur der beschützen kann, der nicht weint? Wenn ein Mann von solchen Gefühlsaufwallung, die seiner Ansicht nach von Frauen als Zeichen von Schwäche gedeutet werden könnten, immer wieder gepackt wird, kann das für seine (authentische) Persönlichkeit destruktive Verhaltensänderungen nach sich ziehen. Um weder weich und erst recht nicht schwul zu wirken, ahmt er ein völlig übersteigertes Männerbild nach. (Warnung: Nicht hinter jeder Macho-Fassade ist automatisch ein verunsicherter HSP-Mann zu erwarten!) Eine weitere Reaktion könnte das bewusste Vermeiden der Kontaktaufnahme zu Frauen sein, obwohl der HSP-Mann sich diese ersehnt. Größer als diese Sehnsucht ist jedoch seine Furcht, von einer Frau wegen seiner HSP-Ausprägung als nicht männlich genug abgewiesen zu werden. Das massive Unterdrücken von HSP zum Selbstschutz kann im Extremfall zu einer Abspaltung von Fühlen und Denken führen. Der daraus entstehende Leidensdruck beim Betroffenen ist erheblich, denn er vermeidet so emotional tiefergehende Verbindungen zu anderen Menschen, was wir aber für eine gesunde Seele so sehr brauchen.

Der beste Weg für einen Mann, mit HSP klarzukommen: Diese Ausprägung als Erweiterung seiner Männlichkeit und Stärkung seiner Animus-Energie nicht nur anzunehmen, sondern sie als Werkzeug für ein tieferes Erforschen seiner Persönlichkeit und seiner Umwelt sinnhaft zu nutzen.

HSP ist weder weiblich noch männlich, es ist menschlich – und eine Gabe.

Denn die hinreichend bekannten Nachteile von HSP, wenn ein bewusster und achtsamer Umgang damit stattfindet, sind gegenüber den Vorteilen – speziell im zwischenmenschlichen Bereich – fast marginal.

Was für uns Männer am Wichtigsten ist: Mut!

Mut, entschlossen der zu sein, der wir sind – egal wie andere in Männerklischees denkende Zeitgenossen darüber urteilen mögen! Keine Stereotypen unreflektiert nachspielen, weil wir nicht zu unserer Individualität stehen wollen, um aus Scheu vor möglichen Konflikten und Ablehnung nicht anzuecken. Wenn wir klar mit uns sind, für uns einstehen und unserer Persönlichkeit den Freiraum geben, den sie braucht, um echt und wahrhaftig zu sein, brauchen wir nicht die permanente Anerkennung von außen. Dann können wir durch unsere innere Akzeptanz – inkl. HSP – befreit und autonom all unsere Facetten leben.

Und wir dürfen (an)erkennen: Es gibt immer mehr Frauen, die HSP-Männer nicht als „Weicheier“ abwerten,

sondern deren Qualitäten und Vorzüge bewusst suchen und wertschätzen, gerade hinsichtlich einer Partnerschaft. HSP macht einen Mann nicht weniger männlich – es war und ist kein Widerspruch. Ich kann Vergaser justieren, mit der Sense mähen und Dübel in Wände setzen, und dennoch weine ich immer wieder bei der Schlussszene („Oh, Captain, mein Captain!“) von „Der Club der toten Dichter“. Einfach, weil ich mich für das (Er)Leben der gesamten Bandbreite meiner Männlichkeit entschieden habe – und damit genieße, wer ich als Mann bin.

Michael Schäfer, www.der-weichensteller.de

4 Kommentare

  1. Hallo Michael
    auch mich hat dein Beitrag beeindruckt und ich finde ihn sehr stimmig und sehr passend.
    ich bin schon lange in einer Männergruppe und habe dort schon viel Unterstützung und Wertschätzung erhalten für meine schwache und sensible Seite in mir.
    Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung meine zum Teil tiefen Empfindungen wie Angst,Unsicherheit Berührtheit zu akzeptieren.
    Und ich spüre es ist der richtige Weg der mich wieder klar und durchlässig für das Leben werden lässt.
    Mit lieben Grüßen
    Jürgen

  2. Wow toll geschrieben. Danke für deine Sichtweise welche mir sehr zu denken gibt.

    Die Beschreibung mit dem Alien auf dem fremden Planeten finde ich absolut treffend. Auch ich hab mich immer so gefühlt. Ich dachte ernsthaft das irgendwas mit mir nicht stimmen muss und ich nicht hierher gehöre. Seit ich aber zum ersten Mal von HSP gelesen habe ist mir damit ein riesen Stein vom Herzen gefallen.

    Seit diesem Moment, der nun bestimmt schon zweieinhalb Jahre her ist, stehe ich total zu dieser Seite von mir und lebe Sie auch aus. Dabei ist mir komplett egal was die anderen sagen denn ICH WEIß das ich ein Mann bin auch wenn ich weine und auch wenn ich sehr emotional bin.

    Es ist meine Stärke um mehr Liebe und Mitgefühl in meinem Umfeld zu erzeugen und diese Stärke, die sehr viele Männer sogar total unsicher macht, lass ich mir nicht mehr nehmen. Im Gegenteil es ist für mich ein Spiel geworden. Wenn z. B. wieder ein blöder Spruch kommt wie: „Alter was bist du denn für eine Pu**y“ dann frage ich immer ganz offensiv womit ich Ihn denn gerade verletzt habe oder ob er sich durch mein Verhalten in seiner Männlichkeit bedroht fühlt. Natürlich fühlen Sie sich bedroht und nach einem neuen kleinen verbalem Versuch sein Gesicht nicht zu verlieren lächle ich nurnoch. Diskussion beendet. 😉

    Lieber Michael, nochmals danke für deinen Beitrag und bitte bleib so wie du bist 🙂

    Liebe Grüße
    Pascal

    1. Lieber Pascal,

      das freut mich sehr, dass Dich mein Beitrag so intensiv angesprochen hat. Für uns HSP-Männer ist die Welt leider etwas „härter“, wenn wir die Grenzen von Stereotypen übertreten. Aber es ist wie eine warme Dusche für das Selbstvertrauen und -wertgefühl, wenn wir spüren, wie erhebend genau dies ist! SEIN DING MACHEN, egal was andere denken – natürlich immer mit Respekt und Wertschätzung anderen gegenüber, aber auch mit klarer Abgrenzung jenen Menschen mit beschränktem Horizont gegenüber, die selbst – furchtsam – in Klischees denken und leben. Aktiv zu leben erfordert immer mehr Mut, als einfach nur zu existieren. Und ein letzter Satz: Du bist nicht allein mit dem, was Du als HSP-Mann mit Deinem sehr viel feineren Facetten und reicheren Innenleben bist. 😉

      Alles Gute … und mach Dein Ding!

      Michael

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